AGT2008

 

TRANSKULTURALITÄT – IDENTITÄTEN IN NEUEM LICHT

Asiatische Germanistentagung 2008 in Kanazawa/Japan

Themenbeschreibung

Die im Prozess der Wirtschafts- und Informationsglobalisierung drastisch verwandelte und sich weiter verwandelnde kulturelle Landschaft in der heutigen Welt war sicherlich einer der Gründe für die intensivierte Selbstreflexion und Diskussion um Neuorientierung(en) der Germanistik, durch die die jüngste fachliche Entwicklung sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas – jeweils mit unterschiedlichen Akzentuierungen – stark geprägt worden ist. Auch im Rahmen der Asiatischen Germanistentagungen, die seit dem ersten Treffen 1991 in Berlin bereits eine mehr als anderthalb Jahrzehnte lange Geschichte haben, ist diese Thematik unter verschiedenen Aspekten aufgegriffen worden, wie es die jeweiligen Generalthemen widerspiegeln, die lauteten: »Germanistik im multimedialen Zeitalter« (1997 Seoul), »Schwellenüberschreitungen« (Fukuoka 1999), »Neues Jahrhundert, neue Herausforderungen« (2002 Beijing) und »Kulturwissenschaftliche Germanistik in Asien« (2006 Seoul). Betont worden sind, zumal in diesem asiatischen Kontext, wiederholt Interessen an der Bestimmung einer spezifisch asiatischen Germanistik, die eigene Forschungsfelder und theoretische Zugänge entwickeln will.

Die Asiatische Germanistentagung 2008, die im August in der japanischen Stadt Kanazawa vorgesehen ist, will sich auch an diesen Interessen anschließen und sich mit dem globalen Kulturwandel aus asiatischen Perspektiven interdisziplinär auseinandersetzen - und zwar unter dem Generalthema »Transkulturalität – Identitäten in neuem Licht«. Durch den Rückgriff auf Transkulturalität wird die thematische wie theoretische Grundposition bestimmt, von der aus es nicht darum geht, eine spezifisch eigene Perspektive zu wählen, um fremde Kulturen und Literaturen zu verstehen, sondern darum, Praktiken des Verständnisses und der Vermittlung zwischen mehreren Kulturen – kurzum: Kommunikation zwischen Kulturen – von vornherein jenseits dieser Dichotomie von fremd und eigen aufzugreifen und theoretisch neu zu reflektieren.

Angesichts der geschilderten Situation scheint uns die thematische Fokussierung auf Transkulturalität in mehrfacher Hinsicht zu ermöglichen, bisher oft als selbstverständlich betrachtete Prämissen – wie kulturelle, sprachliche oder wissenschaftliche Identitäten – in einem neuen Licht bewusster und reflektierter zu erörtern. Aufgefasst wird hier nämlich erstens jede spezifische Kultur selbst als ein historisch-kulturelles Konstrukt, als eine prozessual sich konstituierende Einheit, die sich in einer ständigen Veränderungsbewegung befindet. Mit der Emphatisierung dieser zeitlich-dynamischen Aspekte der Kultur, die im klaren Kontrast steht etwa zu Kulturkonzepten, die mit Begriffen wie »Struktur«, »Form« oder »Gestalt« operieren, können wir die kulturellen Praktiken der Gegenwart, die sich durch permanente Grenzüberschreitungen charakterisieren lassen, adäquater beschreiben. Betrachtet man »Kultur« unter einer solchen dynamischen Perspektive, so lässt sie sich zweitens auch nicht mehr ›national‹, ›regional‹ oder ›ethnisch‹ rückbinden. Sie konstituiert sich vielmehr ständig neu, zumal in Austauschprozessen mit anderen Kulturen.

Von hier aus kann man sich drittens mit Germanistiken in Asien historisch differenzierter und theoretisch reflektierter auseinandersetzen, sind diese Germanistiken doch von ihren Anfängen an in diesem Sinne ausgesprochen transkulturell geprägt und haben mit der prozessualen Auflösung, aber auch Generierung von ›Identitäten‹ zu tun. Und hierin unterscheiden sich ihre Perspektivierungen wohl auch z.B. von denen der Germanistik in Deutschland oder in Europa. Für das epistemische wie epistemologische Selbstverständnis der deutschen bzw. europäischen Germanistik kommt es, wie die Theorie- und Methodendiskussion der letzten Jahren gezeigt hat, sehr oft auf Bestimmungen der europäische Identität einerseits, in Hinsicht auf kulturelle Vielheit andererseits an. Selbst ein so ambitioniert auf kulturelle Öffnung hin ausgerichtetes Projekt wie die ›interkulturelle‹ Germanistik basiert auf einem kulturessentialistischen Verständnis, wenn die Dichotomie von ›fremd‹ und >eigen‹ zu ihren Fundamenten gehört. Der 11. Pariser Kongress der IVG, der im Sommer 2005 unter dem Generalthema ‚Germanistik im Konflikt der Kulturen’ stattfand, verfolgte offenbar eine solche, von einer Dichotomie ausgehende Stoßrichtung. Hierin lag auch der Grund, Begriffe wie ‚Inter-’ oder ‚Multikulturalität’ dem der ‚Transkulturalität’ vorzuziehen. Der Begriff ‚Transkulturalität’ hingegen erlaubt uns, unsere eigene Situation der als Vermittler in mehreren – und nicht nur in zwei! – Kulturen agierenden Germanistik in Asien reflektieren zu können.

Viertens und schließlich stellt sich mit Transkulturalität ein möglichst weitgestecktes Rahmenkonzept dar, um den unterschiedlichen sprach-, literatur- und kulturwissenschaftlichen sowie didaktischen Forschungsinteressen der asiatischen Germanistinnen/Germanisten Raum zu bieten, ohne dabei die einzelnen Interessen zu homogenisieren. Abgezielt wird also mit der Thematisierung von Transkulturalität darauf, die Kulturkontakte und -kommunikation jenseits der derzeit allgegenwärtigen Kontroverse um die im Kontext der Globalisierung gehandelten Zukunftsperspektiven – die Nivellierung einzelkultureller Eigenheiten durch Technik und Ökonomie zu einer einheitlichen Weltkultur einerseits, die Partikularitätsbestrebungen, d. h. ein Beharren auf Identitäten andererseits, die im extremen Fall ihres Aufeinandertreffens zu einem Clash of Civilisations führen kann – zu diskutieren.

Versucht wird mit diesem Generalthema, die wissenschaftlichen, didaktischen und kulturvermittelnden Praktiken der Germanistiken in Asien unter dem Gesichtspunkt der transkulturellen Identitätsgenese und -auflösung aufzugreifen und sie theoretisch-systematisch wie historisch zu erörtern. Im Vordergrund sollen dabei die Germanistiken in Asien als „Übersetzungswissenschaften“ im weitesten Sinne des Wortes stehen, deren soziale Funktion auch im Kultur- und Wissenschaftstransfer zwischen der universitären Forschung und den außeruniversitären, praxis- und berufsbezogenen Bereichen liegt. Dieser Aspekt soll auch in der geplanten Podiumsdiskussion thematisiert werden.



Die Plenarvorträge

Insgesamt sind sieben bis acht Plenarvorträge vorgesehen, die das Generalthema jeweils aus literatur-/kulturwissenschaftlichen, sprachwissenschaftlichen und sprachdidaktischen Perspektiven aufgreifen und Zentralaspekte von Transkulturalität erörtern sollen.



Die Sektionen

Vorgesehen sind die folgenden Sektionen (mögliche thematische Schwerpunkte in Klammern), die diese transkulturelle Ausrichtung im spezifisch asiatischen Kontext aufnehmen. Sie sollen insgesamt der Auslotung von Möglichkeiten einer transkulturellen Germanistik überhaupt (vor allem in den Bereichen Kultur-, Literatur- und Medienwissenschaft, DaF, Linguistik, Landeskunde) dienen:

1.Sprache als Kulturtransfer

(Theorie und Praxis der Übersetzung; Übersetzungskulturen in Asien und Europa; Sprach- und Kulturwandel in Medien; Sprache, Text, Performanz)

2.Sprachenpolitik und Transkulturalität

(Europäische Integration und Multisprachigkeit; Globale/lokale/glokale Kommunikationen; Deutsch als Kultur- und Wissenschaftssprache?; Sprachen- und Bildungspolitik in Asien)

3.Alteritäten/Identitäten im Wandel

(Fremd- und Selbstbilder in Literatur und Medien; Deutsche Kultur und Europa; Migration als literarisches und mediales Thema; Genderdiskurse; Erinnerungs- und Gedächtniskulturen; Körper als Indikator transkultureller Wandel)

4.Pop, Medien, Megapoleis

(Amerika als kulturwissenschaftliches Thema; Deutscher und asiatischer Film contra Hollywood?; Bildlichkeit/Schriftlichkeit in Medien; Europäische Großstadtkultur; Transkulturalität in den asiatischen Megapolis)

5.Europa- und Asiendiskurse

(Asienbild in Literatur und Medien Europas; Europa-Rezeption in Asien; Postkoloniale Kulturdiskurse)

6.Möglichkeiten eines transkulturellen DaF-Unterrichts

(Praktiken der transkulturellen Kommunikation in DaF; Sprachenunterricht und neue Medien)

7.Germanistik und Grenzüberschreitungen

(Kulturwissenschaftliche Germanistik in Asien; Germanistische Wissenschaftsgeschichte und -kulturen in Asien und Europa; Geänderte Universitätslandschaft in Europa und Asien; Einheit und Vielheit der Germanistiken)



Die Podiums- und Schlussdiskussion

Geplant werden darüber hinaus eine Podiumsdiskussion mit dem Thema: „Asiatische Mehrsprachigkeit und zukunftsorientierte Rollen der Germanistik und des Deutschunterrichts“ und eine Schlussdiskussion, in der die Ergebnisse der gesamten Tagung zusammengefasst und evaluiert werden sollen.